Haarausfall durch Medikamente, was kann man tun?


Die ersten Schritte in der Diagnostik:
 
Bevor ein ursächlicher Zusammenhang angenommen wird, ist es zunächst erforderlich eine umfassende Medikamentenanamnese durchzuführen und dies gilt prinzipiell für jeden Patienten mit Haarausfall. Denn sowohl Patienten mit kreisrundem, anlagenbedingten oder narbigen Haarausfall können auch Medikamente einnehmen, die das Haarwachstum zusätzlich stören können. In vielen Fällen finden sich bereits im Beipackzettel in der Rubrik „Nebenwirkungen“ Hinweise auf einen möglichen Haarausfall als eine unerwünschte Arzneimittelnebenwirkung.
Sofern sich hier keine Hinweise finden, ist jedoch eine derartige Nebenwirkung nicht gänzlich ausgeschlossen, wie Recherchen in medizinischen Datenbanken zu dieser Problematik zeigen. Meist wird diese Nebenwirkung graduiert in häufig, gelegentlich, selten etc. angegeben. Die Dunkelziffer bezüglich dieser Häufigkeiten dürfte jedoch weitaus  höher liegen, denn im Gegensatz zu schweren Arzneimittelnebenwirkungen, wird Haarausfall allgemein als nicht bedrohlich angesehen, sodass sicherlich nicht in jedem Fall eine Meldung an den Hersteller oder das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erfolgt.
 
Mögliche Medikamente:
 
Das Spektrum der Medikamente, bei denen Haarausfall erwähnt wird ist sehr unterschiedlich und umfasst Medikamente für die unterschiedlichsten medizinischen Indikationen. Die klinische Erfahrung und die Häufigkeit der Meldungen lassen jedoch eine Einschätzung hinsichtlich des Potenzials einer relevanten Haarwachstumsstörung zu. Abgesehen von den Chemotherapeutika/Zytostatika können z.B. insbesondere Medikamente die den Blutdruck oder die Blutfette senken aber auch Blutverdünner (Antikoagulantien), Entzündungshemmer (Antiphlogistika), Antiepileptika, diverse Antibiotika, Säureblocker (Antacida), die unterschiedlichste Psychopharmaka sowie die neue Gruppe der Biologika dosisabhängig das Haarwachstum stören. Verstärkt bzw. potenziert wird die Haarwachstumsstörung häufig noch durch das gleichzeitige Einnehmen mehrerer, derartiger Medikamente. Meist ältere Patienten nehmen nicht selten 5 oder 6 Medikamente gleichzeitig ein, bei denen Haarausfall in unterschiedlicher Häufigkeit als mögliche Nebenwirkung beschrieben ist.
 
Klinik des medikamentös bedingten Haarausfalls:
 
Das klinische Bild des medikamentös bedingten Haarausfalls ist normalerweise geprägt von einer diffusen Haarlichtung im Bereich des Haupthaares (Abb. 1). Es zeigt sich gleichzeitig sowohl im oberen, als auch im seitlichen und hinteren Kopfbereich eine diffuse Haarlichtung, die durch einen vermehrten Ausfall oder durch ein nicht mehr gänzliches Nachwachsen ausgefallener Haare hervorgerufen wird . Sofern das bzw. die Medikamente nur moderat das Haarwachstum hemmen, ist nur das Kopfhaar betroffen. Dieser Haarausfall zeigt sich zeitverzögert meist 3-4 Monate nach der Einnahme und hält meist ein paar Wochen an. Sofern das bzw. die Medikamente nur kurzfristig verabreicht wurden, wachsen die vermehrt ausfallenden Haare im Verlauf der nächsten 4-6 Monate komplett wieder nach. Bei den stärker das Haarwachstum hemmenden Medikamenten kann auch die Körperbehaarung betroffen sein und es kann innerhalb von 2-3 Wochen nach Verabreichung zu einem massiven Haarausfall führen, der in einer totalen Alopezie endet. Sofern die Störung des Haarwachstums nur vorübergehend oder in wenigen Zyklen erfolgte, wachsen auch in diesen Fällen im Verlauf der nächsten 6 Monate alle Haare wieder nach. Allerdings gibt es auch Fälle wo die Medikation eine permanente bzw. irreversible Schädigung der Haarfollikel verursachte. Diese Wahrscheinlichkeit trifft insbesondere für die Gruppe der  Chemotherapeutika/Zytostatika zu. Insbesondere bei einer Kombination derartiger Medikamente, wie sie häufig bei der Therapie eines aggressiven Brustkrebses oder im Zusammenhang mit Knochenmarkstransplantationen erforderlich ist, kann es zu einer so starken Schädigung der Haarfollikel kommen, sodass nur noch spärliches Flaumhaar-Wachstum für den Rest des Lebens möglich ist.
 
Evaluierung des Haarausfalls mittels Trichogramm oder digitalem Haarscan:
 
Da in jedem Fall auch das Kopfhaar betroffen ist, besteht die Möglichkeit die Stärke des Haarausfalls anhand des Haarwurzelstatus, des Trichogramms oder des digitalen Haarscans zu beurteilen. Beim digitalen Haarscan besteht die Möglichkeit  in einem umschriebenen, rasierten Kopfhautareal direkt nach der Rasur die Anzahl und die Durchmesser der vorhandenen Haare zu bestimmen. Bei einem Vergleichsfoto nach 2 Tagen kann zusätzlich die Anzahl der wachsenden, der sogenannten Anagenhaare und die der ausfallenden, der Telogenhaare ermittelt werden. Aus den beiden letzten Parametern lässt sich dann das Verhältnis der wachsenden zu den ausfallenden Haaren, die Anagen/Telogen-Ratio bestimmen. Eine Beurteilung der Haarwurzel ist allerdings mit dieser Methode nicht möglich. Dagegen bietet das konventionelle Trichogramm die Möglichkeit, neben der Anagen- und Telogenrate, auch andere Haarwurzelstörungen zu erfassen, da bei dieser Methode eine schmale Kolonne von Haaren gezogen wird.  Die Untersuchung der Haarwurzel ist aber gerade beim medikamentös bedingten Haarausfall von Vorteil, da hier die direkte Wirkung des Medikamentes auf die Haarwurzel ersichtlich wird. Dadurch lässt sich zusätzlich die Anzahl der mäßig und stark missgestalteten, der dysplastischen bzw. der dystrophischen Haare ermitteln. Sofern das Medikament oder die Noxe nur eine moderate Störung des Haarwachstums verursacht, ist der diffuse Haarausfall durch eine erhöhte Rate von Telogenhaaren gekennzeichnet (Abb.2). Bei einer stärkeren Störung lassen sich dann auch verformte, sogenannte dysplastische Anagenhaare nachweisen. Bei einer periodischen, medikamentösen Störung des Haarwachstums kann man auch wellenförmige Einschnürungen im Wurzelbereich sehen, die manchmal zu einer kompletten Drosselung des Wachstums und zum direkten Haarausfall führen. Im Falle einer starken Störung des Haarwachstums findet man dagegen vermehrt dystrophische Haare, die idealisiert beschrieben wie gespitzte Bleistifte imponieren und für eine permanente, stetig zunehmende Drosselung stehen, bis das Haarwachstum vollständig „abgeschnürt“ wird. In der Abbildung 3 sind dysplastische und dystrophische Haare veranschaulicht.
 
Differentialdiagnostische Überlegungen:
 
Ein diffuser Haarausfall kann allerdings auch mit anderen Ursachen zusammenhängen. Deshalb ist es erforderlich neben der Medikamentenanamnese auch die diesbezüglichen Störfaktoren auszuschließen. Neben Mangelzuständen an Eisen, Zink, Selen und Biotin können auch eine ganze Reihe endokrinologischer Erkrankungen zu einer allgemeinen Störung des Haarwachstums führen. Beispielhaft seien hier Funktionsstörungen der Schilddrüse, der Nebenschilddrüse oder der Hirnanhangsdrüse genannt.
 
Therapeutische Optionen:
 
In Abhängigkeit von der Stärke, Dauer und Notwendigkeit der Medikation ergeben sich unterschiedliche Prognosen. Sofern die Medikation nur eine moderate Störung verursacht und nur kurzfristig verabreicht wurde, ist von einer natürlichen, kompletten Regeneration des Haarwachstums innerhalb der nächsten 4-6 Monate auszugehen.  Ist jedoch eine Dauermedikation im Zusammenhang mit einer Erkrankung erforderlich, sollte versucht werden auf ein anderes Präparat zu wechseln, bei dem keine Störung des Haarwachstums als Nebenwirkung bekannt ist. Ist dies nicht möglich kann auch eine Dosisreduktion, sofern vertretbar, schon zu einer Verbesserung des Haarwachstums führen. Generell gilt aber auch hier: „So viel Medikamente wie nötig und so wenig wie möglich“. In manchen Fällen kann auch eine kurmäßige Förderung des allgemeinen Haarwachstums mit haarspezifischen Spurenelementen, Substanzen und Aminosäuren sinnvoll sein, insbesondere wenn das angeschuldigte Medikament nicht abgesetzt oder reduziert werden kann. In ähnlich gelagerten Fällen ist auch mit der äußerlichen Therapie in Form einer 2% Minoxidil-Lösung ein gutes Ergebnis bezüglich einer Förderung des allgemeinen Haarwachstums möglich. Allerdings ist bei einer Dauermedikation auch von einer dauerhaften Anwendung der Minoxidil-Lösung auszugehen. Im Zusammenhang mit einer Chemotherapie kann auch durch eine Unterkühlung der Kopfhaut, beginnend kurz vor bis kurz nach Verabreichung der Medikation, eine deutliche Reduzierung des Haarausfalls erreicht werden, wie eingehende Studien in größerem Umfang belegen.
 
 
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Prof. Dr. med. Gerhard Lutz
Hair&Nail
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